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Zwei Jahre Corona aus der Perspektive von...

Andrea Kappelhoff ist Pflegefachkraft im Dorothee-Sölle-Haus in Bielefeld.

Andrea Kappelhoff ist Pflegefachkraft im Dorothee-Sölle-Haus in Bielefeld.

Andrea Kappelhoff, Pflegefachkraft

(Dorothee-Sölle-Haus in Bielefeld)

"Im Januar 2021 hat Corona den Wohnbereich erreicht, in dem ich arbeite. Von da an trugen wir neben Handschuhen und Masken auch Visiere und Kittel, dazu Hauben für die Haare. Unter so viel Schutzkleidung schwitzt man, bekommt schlecht Luft und trinkt weniger, weil das mit dem Aus- und Anziehen schwieriger zu organisieren ist. Aber die Schutzmaßnahmen waren die einzige Möglichkeit, um weiterhin meinen Job machen zu können. Pflege mit Abstand funktioniert nicht, ich muss nah am Menschen arbeiten, und das möglichst, ohne mein Gegenüber oder mich selbst zu gefährden. 

Natürlich gehören auch das Sterben und der Tod irgendwie zu meinem Beruf. Aber mit Corona war das plötzlich etwas anderes. Da gab es diesen einen Tag, an dem der Bestatter plötzlich dreimal in meinen Wohnbereich kommen musste. Das war ein anderes Sterben, eines, das viel zu schnell ging, und bei dem Angehörige oft kaum noch die Möglichkeit hatten, sich richtig zu verabschieden. Um in dieser Situation weiterhin 100 Prozent geben zu können und gleichzeitig meine Familie zu Hause zu schützen, habe ich mich damals entschieden, meinen Sohn für zwei Wochen zu meinen Eltern zu geben. Die Angst, dass ich einen von ihnen anstecken könnte, war einfach zu groß. 

Heute, nach zwei Jahren mit Corona, bin ich vorsichtig optimistisch. Das Erlebte hat mir gezeigt, wie stark wir als Team auch in außergewöhnlichen Situationen zusammenhalten. Und wir sehen heute, dass die Impfungen wirken. Die Bewohner kommen besser mit Ansteckungen zurecht, und ich persönlich habe den Eindruck, dass mein Beruf von außen anders wahrgenommen wird. Ich höre öfter und von verschiedenen Seiten so etwas wie „Alle Achtung“ und fühle mich dadurch wertgeschätzter als vorher. Vielleicht ist das das Licht am Ende eines Tunnels, der eigentlich schon Teil des Alltags war."  

 

Inge Krüger, Bewohnerin

(Altenzentrum Bethesda in Bad Salzuflen)

Behalten habe ich von Corona vor allem die Schwierigkeit, Wörter zu finden. Es ist zum Verrücktwerden, denn ich bin eigentlich fit im Kopf. Und ich weiß, dass ich die Wörter kenne - aber sie kommen seit der Erkrankung viel zu spät an, so als würde irgendetwas die Verbindung stören. Angefangen hat es im Januar 2021 mit einer fürchterlichen Erkältung. Ein Test hat schnell gezeigt, dass ich mich angesteckt hatte. Vier Wochen lang war ich insgesamt krank, hatte hohes Fieber, starken Husten und mein Kreislauf hat nicht mehr mitgespielt. Ich weiß noch, dass ich die ganze Zeit dachte 'Was für eine komische Krankheit', weil es sich irgendwie anders angefühlt hat als sonst. Ich hatte plötzlich auch Magen-Darmprobleme und Halluzinationen durch das Fieber.

Als ich nach der Erkrankung dann wegen meines Asthmas beim Lungenarzt war, war der total überrascht. Er meinte, er hätte nicht gedacht, dass ich das bei meinen Vorerkrankungen lebend überstehe. Aber ich habe eigentlich nie daran gezweifelt - dazu bin ich zu optimistisch veranlagt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre muss ich sagen, dass es mir meistens ganz gut ging. Auch vor und nach meiner Krankheit gab es trotz Corona immer die Möglichkeit, an Aktivitäten teilzunehmen. Zwar nur noch innerhalb meines Wohnbereichs, aber immerhin. Für gesellige Typen wie mich ist das wichtig, ich muss mich regelmäßig austauschen können und will was erleben!

Natürlich hoffe ich, dass Corona bald entgültig verschwindet. Aber bis dahin bin ich weiter dafür, dass Masken getragen werden. Das schützt uns all und tut niemandem weh. 

Klaus Kania, Wohnbereichsleiter

(Marswidisstift in Bielefeld)

"Ganz ehrlich? Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es uns so hart treffen würde. Als klar war, dass Corona in unserem Bereich angekommen ist, war ich lange Zeit fast durchgängig im Haus, um die Versorgung weiterhin zu gewährleisten und im Notfall einspringen zu können. Einige Bewohnerinnen und Bewohner haben den Kampf gegen das Virus verloren. Die, die es geschafft haben, mussten mit einem veränderten Alltag und neuen Regeln zurechtkommen. Eine echte Herausforderung, denn in meinem Wohnbereich leben besonders viele Menschen mit Demenz. Für uns selbst gab es währenddessen kaum Zeit zur Erholung, weil wir ständig darum bemüht waren, neben der Versorgung auch die Einzelbetreuung bestmöglich aufrechtzuerhalten. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das war die schwierigste Zeit meiner bisherigen Pflegekarriere. 

Danach habe ich mit meinem Team an mehreren Supervisionen teilgenommen, um gemeinsam über unsere Erlebnisse zu sprechen. Das hat uns allen gutgetan und beim Verarbeiten geholfen. Generell war ich immer recht positiv eingestellt, dass schon alles irgendwie wieder gut wird. Das ist schließlich mein Job. Wir haben uns doch ganz bewusst dafür entschieden, in der Pflege zu arbeiten, und tun das bis heute mit Herz und Leidenschaft. 

Dank unserer Erfahrungen wissen wir jetzt, wie wir handeln müssen und können besser damit umgehen. Auch die Krankheitsverläufe haben sich durch die Impfung verändert, sind milder und meist nicht mehr so dramatisch. Da rücken andere Fragen in den Vordergrund - zum Beispiel die nach der Gewinnung neuer Pflegekräfte. Die werden nämlich dringend gebraucht!"

Ann-Kathrin Müller, Heilerziehungspflegerin

(Bodelschwingh-Haus in Essen)

"Rückblickend fühlt es sich an, als hätten wir uns  zwei Jahre lang in einer Art Stillstand befunden. Ich arbeite mit Menschen mit Behinderung, von denen viele trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch recht aktiv sind. Normalerweise unternehmen wir viel zusammen, erledigen alltägliche Dinge wie Einkäufe, machen aber auch regelmäßig Ausflüge in die Umgebung. Vor  allem letztere mussten in den vergangenen zwei Jahren durch alternative Angebote im Haus ersetzt werden. Die meisten Klientinnen und Klienten haben viel Verständnis gezeigt und sich den Gegebenheiten angepasst. Aber einigen musste ich immer wieder erklären, dass nicht wir, sondern ein Virus daran schuld ist, dass sie jetzt nicht auf die Kirmes oder ins Fußballstadion gehen können.

Schwierig war für einige auch das Ausbleiben von körperlicher Nähe. Es gibt hier Klienten, die keine Angehörigen mehr haben. Wir sind die einzigen, die auch mal ihre Hand halten oder sie bei Bedarf umarmen. Dass das plötzlich nicht mehr ging, hat eine neue Art von Distanz aufgebaut, die sich weder für mich, noch für mein Gegenüber gut angefühlt hat. 

Mittlerweile sind zumindest Ausflüge wieder möglich und ein Teil der Normalität kehrt zurück. Dass Corona gänzlich wieder verschwindet, daran glaube ich nicht mehr. Wir werden wohl lernen müssen, damit zu leben. Die Tatsache, dass ich in einem tollen Team arbeite, bei dem wir uns aufeinander verlassen können, macht mir Mut. Ich hoffe einfach für uns alle, dass es künftig wieder etwas leichter wird."

Dr. Astrid Faber-Lottis, Fachärztin für psychosomatische Medizin

(Rhein-Klinik in Bad Honnef)

"Mein Aufgabenfeld hatte sich im Zuge der Pandemie zunächst von meinem Arbeitsschwerpunkt der Patientenversorgung auf meine Rolle als Hygienebeauftragte verlagert. Es war ein gutes Gefühl, etwas Wertvolles für die Klinik, die Patientinnen und Mitarbeiter zu leisten, aber ich habe die Arbeit mit den Menschen und meinem Team vermisst. Es pendelte sich im Verlauf ein ständiger Wechsel zwischen beiden Rollen ein, der mir bis heute einen strukturierten Arbeitsalltag erschwert. Es ist anstrengend und auch erschöpfend, sich einerseits empathisch und in Ruhe auf die Menschen einzulassen, wenn man gleichzeitig für wichtige Hygienefragen jederzeit ansprechbar sein muss und schnelle Entscheidungen zu treffen sind. 

Während der letzten zwei Jahre habe ich mich aber auch persönlich weiterentwickelt. Ich habe meine Fähigkeiten ausgebaut, Verantwortung zu übernehmen und auch unangenehme Entscheidungen zu vertreten. Die Auswirkungen meines Handelns im Hygienemanagement hatten plötzlich eine völlig andere Tragweite, es ging nicht mehr um den einzelnen Patienten oder Mitarbeiter, sondern um das große Ganze. Außerdem habe ich mehr Einsicht in die Gesamtbelange der Klinik gewonnen und konnte in meine Position als ärztliche Leiterin reinwachsen. Eine gute Work-Life-Balance muss ich mir immer wieder erarbeiten. Besonders im Lockdown war es sehr schwer für mich, Grenzen zu ziehen und mir einfach mal einen Tag komplett frei zu nehmen.

Die konstruktive und wertschätzende Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Arbeitsbereichen erlebe ich bis heute unterstützend und motivierend. Unter den besonderen Herausforderungen der Pandemie sind wir in der Rhein-Klinik noch mehr zusammengerückt. Ich wünsche mir für die Zukunft wieder mehr »Normalität« im beruflichen und privaten Alltag." 

Linda Ehlenbröker, Bewohnerin

(Altenzentrum Bethesda in Bad Salzuflen)

"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die vielen neuen Regeln durch Corona nicht auch als belastend empfunden hätte. Ich kann nachvollziehen, warum sie in schwierigen Zeiten nötig waren und teilweise auch immer noch sind. Aber sie einzuhalten und mit den Konsequenzen zu leben, war auch anstrengend. Gottseidank bin ich sehr pragmatisch eingestellt: Ich bin allein, werde gut versorgt und habe sonst nicht viel zu tun. Andere Menschen, z.B. Berufstätige oder Kinder, hatten es doch lange Zeit viel schwerer als ich.

Als vor zwei Jahren das Corona-Virus übernahm, und erste Schutzmaßnahmen umgesetzt wurden, mussten wir einfach damit leben, dass einige Angebote zeitweise nicht mehr in größerer Runde stattfinden konnten. Darunter waren auch meine Lieblingsbeschäftigungen: der Literaturkreis und die Zeitungsrunde. Aber die Mitarbeiter hier waren großartig: Sie haben ein alternatives Unterhaltungsprogramm auf die Beine gestellt, so dass ich zum Beispiel von meinem Balkon aus an Gymnastikrunden und Konzerten teilnehmen konnte.

Mittlerweile bin ich viermal geimpft. Bezogen auf Corona und mich selbst habe ich auch keine Angst mehr. Ich  verfolge zwar noch kritisch, was unsere Politiker zu Corona sagen und planen – bevor sie wieder alles über den Haufen werfen. Größere Sorgen bereitet mir momentan aber der Krieg in der Ukraine. Der überschattet für mich alles bislang Dagewesene. Auch das Virus." 
 

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