Selbstbestimmungs-Seminare für Menschen mit und ohne Behinderung

Jeder Mensch ist ein Diamant

Diakonin Martina erklärt anhand von anschaulichen Bildern, was Selbstbestimmung bedeutet.

Sich selbst Kleidung aussuchen dürfen ist für Markus und die anderen Bewohner eine Facette von Selbstbestimmung.

In Rollenspielen macht Lambrini das Thema des Workshops deutlich – Werner hört aufmerksam zu.

Bewohnerin Nurcan und Mitarbeiterin Christin lernen an diesem Tag gemeinsam. Fotos: Christian Weische

Recklinghausen (JW). Mit großen Zeichnungen in der Hand steht Martina in der Mitte eines Stuhlkreises. Die erste zeigt eine Gruppe von Menschen, alte und junge, Männer und Frauen. „Und Menschen, die sich nicht allein die Schuhbänder zumachen können“, ergänzt Markus und zeigt auf einen Mann im Rollstuhl. Mit dem Bild einer Waagschale erklärt Martina: „Und alle diese Menschen wiegen gleich viel. Sie sind gleich wichtig.“ Das nächste Bild zeigt einen Diamanten. „Das ist ein wertvoller Stein“, weiß Marvin. „Richtig“, sagt Martina. „Alle Menschen sind gleich wichtig und gleich wertvoll. Alle. Auch Menschen, die in einer Einrichtung leben und Hilfe brauchen.“

Das ist die wichtigste Lektion dieses Tages im Johanneswerk Wohnverbund Recklinghausen und zugleich die schwerste. Mit den großen Zeichnungen versucht Seelsorgerin Martina Schöler-Tillmanns zu erklären, was Selbstbestimmung bedeutet. Ihr Kurs besteht aus 16 Personen. Etwa die Hälfte von ihnen sind Mitarbeitende aus den Einrichtungen des Wohnverbunds. Die andere Hälfte sind Bewohnerinnen und Bewohner mit unterschiedlich schweren Behinderungen. „Wir lernen alle gemeinsam“, stellt die zweite Kursleiterin und Psychologin Lambrini Dossi klar. „Hier ist keiner, der etwas besser weiß als ein anderer.“

Haltungsänderung ist das Ziel

Die Idee zu dem besonderen Seminar entstand im Johanneswerk aus dem Wunsch heraus, alle Bewohner über ihre Rechte aufzuklären. Festgehalten sind diese in der UN-Behindertenrechtskonvention und in der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“, die seit 2005 in Deutschland verabschiedet ist und Punkte wie Privatheit, Kommunikation oder Religion thematisiert. Seither wird vielerorts daran gearbeitet, sowohl Betroffene als auch Betreuungskräfte über die Charta zu informieren und sie immer fester im Bewusstsein aller zu verankern.

Im Mittelpunkt des Tages steht das Wort „ich“. Ich bestimme, was ich essen möchte. Ich bestimme, was ich in meiner Freizeit mache und wofür ich mein Geld ausgebe. Gleich zu Beginn des Seminars entscheidet bereits jeder Einzelne für sich selbst, ob er geduzt werden möchte. Ganz anschaulich wird das Thema dann in kleinen Rollenspielen. Werner traut sich und schlüpft in seine eigene Rolle: Als Bewohner in einer Wohngruppe wird er morgens von einer Mitarbeiterin geweckt. Gespielt von Kursleiterin Martina kommt sie ins Zimmer, schickt ihn ins Bad und legt derweil seine Anziehsachen heraus. Werner findet das ganz normal. Zuschauer Marvin jedoch fällt auf: „Wenn ich Werner gewesen wäre, hätte ich gesagt: Nein, ich suche meine Sachen selber raus!“

Ein Aha-Erlebnis, nicht nur für Werner und die anderen Menschen mit Behinderung, sondern auch für die Mitarbeitenden. Im Alltag denken sie nicht immer daran, genau hinzusehen, wer in den Einrichtungen des Wohnverbunds was selbst entscheiden kann und möchte. Besonders unter Zeitdruck oder in eingespielten Abläufen fällt leicht unter den Tisch, dass nicht unbedingt der Betreuer am besten weiß, was für die Bewohnerin gut ist. „Da wir uns das Thema alle gemeinsam erarbeiten, haben später alle die Möglichkeit, sich gegenseitig daran zu erinnern und sich auf das Seminar zu berufen“, erklärt Lambrini.

Hilfe bekommen ist für jeden wunderbar

Aha-Erlebnis Nummer zwei: Nicht nur Menschen mit Behinderung brauchen Hilfe. Lambrini bekommt in einem weiteren Rollenspiel ihre Wasserflasche nicht auf. Bewohner Markus springt ein und unterstützt. „Hilfe bekommen ist für jeden von uns wunderbar“, findet Lambrini. Wie weit die Hilfe geht, ist dann allerdings auch wieder eine Entscheidung desjenigen, der sie gerade braucht. „Wichtig ist in der Betreuung von Menschen mit Behinderung, auszuprobieren und zu besprechen, was gut funktioniert“, erklärt Martina. „Das Geheimnis liegt individuell zwischen nicht zu viel und nicht zu wenig.“

Plötzlich zückt Lambrini ihr Handy und simuliert lautstark ein Telefonat mit ihrer Freundin. Als die Kursteilnehmer ihr signalisieren, dass sie stört, beruft sie sich auf ihr Recht zu telefonieren. Damit leitet sie zum letzten wichtigen Punkt des Seminars über: Selbstbestimmung hat Grenzen, für jeden. In der Fußgängerzone bedeutet das: Fahrradfahren ist nicht erlaubt, damit keine Fußgänger gefährdet werden. In einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung kann das bedeuten: Ein nachtaktiver Bewohner sollte Rücksicht nehmen, um die Mitbewohner nicht zu wecken.  

Am Ende des Vormittags scheint die Selbstbestimmung in allen Köpfen auf die eine oder andere Art angekommen zu sein. Viele möchten nochmal wiederkommen und das Thema vertiefen. Jeder ist immer wieder willkommen. Interessierte Mitarbeiter und Bewohner können außerdem geschult werden, um die Seminarinhalte weiter in den Wohnverbund zu tragen. Ziel ist es, dass langsam aber sicher jeder – Bewohner oder Mitarbeiterin – im Wohnverbund realisiert: Ich habe das Recht, ein Diamant zu sein.

Spendenprojekt: „Ein Schlüssel für mich. Selbstbestimmt leben.“
Mit seinem neuen Spendenprojekt setzt sich das Johanneswerk dafür ein, Menschen mit Behinderung intensiv auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu begleiten. Eine unterfahrbare Küche zum Beispiel oder ein spezielles Betreuungsangebot können dabei einen großen Unterschied machen. Helfen Sie uns mit Ihrer Spende.
Spendenkonto: 
IBAN: DE09 4805 0161 0066 0126 00
BIC: SPBIDE3BXXX
Stichwort: „Schlüsselprojekt Recklinghausen“

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