Hildegard Wilm, 100 Jahre, Jacobi-Haus in Bünde

Die Kämpferin

Hildegard Wilm ist 100 Jahre alt und lebt im Jacobi-Haus in Bünde. Foto: Mike-Dennis Müller

Ein grauer Schleier vor den Augen ärgert Hildegard Wilm. Anfangs kam er nur ab und zu, jetzt ist er Dauergast und versperrt ihr den geliebten Blick aus dem Zimmerfenster im Jacobi-Haus. Durchblutungsstörungen, zurückzuführen auf ihr Alter, habe der Arzt gesagt. Eigentlich ein schlechter Witz, findet die 100-Jährige – denn der Rest ihres Körpers gebe sich eisern gesund. Natürlich habe sie altersbedingte Gebrechen. Aber Hildegard Wilm ist selten krank, geht regelmäßig an die frische Luft und ist geistig klar. Vielleicht sei sie auch so alt geworden, weil sie so viel erlebt und überstanden habe, überlegt sie laut. Kopf und Körper seien wahrscheinlich Schlimmeres gewohnt als einfach nur gemütlich da zu sitzen und zu leben. 
 

"Wir wussten nie, ob wir die nächsten sind"

„Ich komme gebürtig aus einem Dorf an der Weichsel im Danziger Land. Erzogen wurde ich im christlichen Glauben, das hat mich wahrscheinlich durch dieses Leben gebracht. Meine Mutter wurde beim Einmarsch der Russen in unser Dorf getötet, weil sie vor lauter Angst über die Straße gerannt war. Die Soldaten erschossen sie hinterrücks. Mich nahmen sie zusammen mit anderen jungen Frauen aus dem Dorf mit. Wir wurden für Aufräum-Arbeiten nach Russland gebracht – erst nach Karelien, später dann in den Ural. Dort mussten wir in Lagern mit Baracken leben und harte Arbeit verrichten.

Es war höllisch heiß, die Sonne brannte, und wir bekamen kaum etwas zu essen oder zu trinken. Angst hatte ich damals selten, weil ich meist gar nichts gefühlt habe. Wir wussten nie, ob wir die nächsten sein würden, die erhängt oder erschossen werden, also wurde irgendwie alles egal. Aber da gab es ein Mädchen aus Ostpreußen, das hat eine Bibel mit in die Baracken gebracht. Abends haben wir gemeinsam daraus gelesen und gesungen. Das war ein Lichtblick, der mir Hoffnung gegeben hat. Insgesamt war ich mehrere Jahre in Russland. Zurückgeschickt wurde ich nur, weil ich aufgrund des Essens dort schwer krank geworden war und nicht mehr arbeiten konnte.“
 

Plötzlich heimatlos

Nach Hause zurück konnte Hildegard Wilm allerdings nicht mehr. Danzig gehörte nun zu Polen und sie war heimatlos.  Sie wurde erneut in einen Zug gesetzt und ohne zu wissen, wohin die Reise gehen würde, über Moskau nach Bremen geschickt. Als Fremde im eigenen Land fehlte ihr eine „Zuzugsgenehmigung“, deshalb durfte sie zunächst nicht bleiben. Also reiste sie weiter, lebte mal in Hessen, mal im Schwarzwald, bevor sie schließlich nach Bünde kam. Hier begann sie eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, bekam eine Anstellung und blieb.
 

Entscheidungen fallen ihr schwer

„Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Ich hatte einen schönen Beruf, konnte mir von meinem Gehalt eine Wohnung kaufen. Nur mit Entscheidungen war das immer so eine Sache. Es gab diese Zeit in meinem Leben, da war ich fremdbestimmt und durfte gar nichts selbst entscheiden. Später, als es dann möglich war, konnte ich mich schlecht entscheiden. Ich habe lange gezögert, meinen zweiten Partner zu heiraten. Als wir es dann tun wollten, ist er kurz vorher gestorben.“ 

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