Hildegard Nebelsiek ist 100 Jahre alt und lebt im Haus Eggeblick in Halle.

Die helfende Hand

Hildegard Nebelsiek ist 100 Jahre alt und lebt im Haus Eggeblick in Halle. Foto: Mike-Dennis Müller

„Hilde wird 100“ steht auf dem Cover des großen Fotobuchs, das Hildegard Nebelsiek auf den Knien hält. Das sei doch kaum zu glauben, sagt sie und lächelt kokett. Für die gelernte Kindergärtnerin ist die 100 hinter ihrem Namen eine Zahl, kein Zustand. Zumindest keiner, der auf den ersten Blick sichtbar wäre. Sie sitzt aufrecht in ihrem Sessel im Altenzentrum Eggeblick, fokussiert Besucher mit wachem Blick, unterhält sich gerne, lacht viel und laut. Doch ihre Ohren und ihr Gedächtnis lassen sie immer öfter im Stich. Sie muss nachhaken, was ihr unangenehm ist, und manchmal länger überlegen. Manches, an das Hildegard Nebelsiek sich zu erinnern versucht, kommt gar nicht mehr zurück oder landet im falschen Kontext. Um nicht noch mehr durcheinanderzubringen, notiert sie sich alles. 
 

"Sag bloß nichts gegen Schalke"

„Ich komme gebürtig aus Witten. Übrigens eine fabelhafte Stadt, die ich leider schon mit 16 für meinen Arbeitsdienst in Mecklenburg verlassen musste. Als ich zurückkam, begann ich für die Stadtverwaltung zu arbeiten und musste Kuren, Kinderlandverschickungen und vieles mehr organisieren. Gegen Ende des Krieges bin ich dann nach Gelsenkirchen gewechselt und war dort für den Bereich „Mutter und Kind“ zuständig.  Eine wirklich gute Arbeit, die mir viel Freude bereitet hat. Ich durfte zum Beispiel Schulkindergärten einrichten und Mütter unterstützen, die es in dieser Zeit wirklich schwer hatten. Zugeben, an den Wochenenden war ich immer froh, nach Witten zurückfahren zu dürfen. Aber meinem Enkel Philipp, ein eingefleischter BVB-Fan, sage ich heute noch „Sag bloß nichts gegen Schalke, da habe ich mein erstes eigenes Geld verdient."
 

"Ist schon wieder Fliegeralarm?"

Ihren Mann lernte Hildegard Nebelsiek schon in jungen Jahren kennen. Während des Krieges kämpfte er an der Front in Russland. Als er zurückkam, heirateten sie und zogen nach Berlin, weil die Schwiegermutter dort lebte. Ein Umzug, der der jungen Hildegard damals schwer fiel. Als ihr Mann erneut eingezogen wurde, kehrte sie umgehend ins Ruhrgebiet zurück. Ihrem Vater ging es mittlerweile sehr schlecht, und es war nur noch die Großmutter zu Hause, die sich kümmern konnte. Es seien dunkle Tage gewesen, erinnert sich Hildegard Nebelsiek. Doch es habe auch lustige Momente gegeben. Etwa als der Pfarrer zu ihnen nach Hause kam und Hand und Zeigefinger zum Segen erhob. Da habe die vom Krieg gezeichnete Großmutter gerufen: „Oh Gott, ist schon wieder Fliegeralarm?“
 

"Der soll meine Beerdigung machen"

„Es war sicher nicht alles gut, aber ich glaube, ich konnte in meinem Leben vielen Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen konnten. Ich habe mich um Kinder, aber auch um Erwachsene gekümmert. Zuletzt habe ich ehrenamtlich mehrere Seniorenfreizeiten auf Juist auf die Beine gestellt – für Landfrauen, die sonst kaum rausgekommen wären. Das geht nun leider nicht mehr. Aber bei einer dieser Freizeiten habe ich einen Pfarrer kennengelernt, einen richtig guten! Wenn ich bald gehe, soll der meine Beerdigung machen! Nur mein Sohn Heiko sagt, ich soll nicht so voreilig sein und mal abwarten. Ich sei zwar 100, aber viel zu fit, um zu sterben.“

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