Interview mit Dr. Bodo de Vries zum Tag der Pflege

Auf ein Wort mit...

Johanneswerk-Geschäftsführer Dr. Bodo de Vries

Zum Tag der Pflege bezieht Dr. Bodo de Vries Stellung: Foto: Johanneswerk/ Stephan Wemhöner

Bielefeld. Pflege ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft – und das nicht nur während der Corona-Pandemie. Laut Statistischem Bundesamt haben 2019 in Deutschland rund 1,7 Millionen Menschen in einem Pflegeberuf gearbeitet - darunter fast 460.000 in Krankenhäusern und 1,2 Millionen in der stationären und ambulanten Altenpflege (Quelle: Statista).

Vor diesem Hintergrund hat sich die Diakonie Deutschland gemeinsam mit dem DEVAP (Deutscher Evangelischer Verband für Altenarbeit und Pflege e.V.) digitale Aktionen zum Internationalen Tag der Pflege (12. Mai) überlegt, die vor allem in den sozialen Medien präsentiert werden. Das Motto lautet in diesem Jahr „Pflege fragt – Politik antwortet“. Auch Dr. Bodo de Vries, stellvertretender Geschäftsführer des Johanneswerks, bezieht zu Fragen aus der Pflege Stellung:

Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach für die Mitarbeitenden im Arbeitsfeld der Altenhilfe tun?

Dr. Bodo de Vries: "Die Mitarbeitenden der Altenpflege sind nicht nur im Rahmen der Corona-Pandemie systemrelevant. Die Politik muss erkennen, dass dies auch für die Herausforderungen des gesamten gesellschaftlichen und demografischen Wandels gilt. Wir stehen vor der Aufgabe, eine steigende Anzahl hilfs- und pflegebedürftiger alter Menschen mit einer sinkenden Anzahl von Pflegenden versorgen zu müssen. Die Politik muss deshalb sehr schnell handeln, um diesen Herausforderungen tatsächlich mit längerfristigen Strategien zu begegnen.

Hierzu bedarf es einer Strategie, die über eine Wahlperiode hinausgeht und die Pflegeleistungen von heute fachlich, ethisch und wirtschaftlich weiterentwickelt. Dazu gehört auch die Verantwortung für die Generationsgerechtigkeit mitzudenken. Mit diesen Fragestellungen stehen wir leider erst ganz am Anfang einer Auseinandersetzung, die zu einem neuen Ausgleich zwischen den Pflegebedürftigen und den Pflegenden und der Gesamtgesellschaft führen muss. Das hat etwas mit Geld des Staates und der Pflegebedürftigen zu tun, mit Arbeitszufriedenheit der Pflegekräfte und mit gesellschaftlichen Solidaritäten, die wesentlich die Pflege von An- und Zugehörigen trägt und an politischer Bedeutung zunehmen muss."

Wenn es in Ihrer Macht stehen würde, was würden Sie ganz konkret für die Mitarbeitenden in der Altenhilfe tun?

de Vries: "Ich würde garantierte Dienstpläne einführen, die den grundsätzlichen Vorgaben der Arbeitszeiten und Arbeitstage ohne zusätzliche Vertretungszeiten für die einzelnen Mitarbeitenden entsprechen. Ich würde mir Rahmenbedingungen wünschen, die größere zeitliche Vorgaben für die einzelne Bewohnerin bzw. den einzelnen Bewohner vorsehen, die der Professionalität unserer Mitarbeitenden entsprechen und die Pflegearbeit mit einem guten Gewissen gestalten lassen. Eben dieses Ziel ist wohl nur mit einer höheren Anzahl von Pflegekräften zu gewährleisten, für die ich mich innerhalb und außerhalb des Ev. Johanneswerks einsetze."

Hat sich durch die Corona-Pandemie etwas in der Pflege verändert?

de Vries: "Wir haben viel gesellschaftliche Wertschätzung für unsere Arbeit erhalten, jedoch nur eine homöopathische politische Anerkennung bekommen. Die politische Abschlussbilanz der laufenden Legislaturperiode hat zwar die Pflege in den Mittelpunkt von Politik und gesellschaftlicher Diskussion gestellt, bei unseren Mitarbeitenden ist außer der Corona-Prämie allerdings nichts angekommen. Das  ist nicht hinzunehmen und wird den Anforderungen dieses Berufes im Rahmen des gesellschaftlichen und demografischen Wandels der Altenpflege nicht gerecht."

Sollte es Ihrer Meinung nach eine Professionalisierung des Pflegeberufs, zum Beispiel durch ein Studium, geben?

Dr. Bodo de Vries: "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten bereits heute sehr professionell. Was wir benötigen, sind umfassendere Karrierewege für unsere Pflegemitarbeitenden, die der steigenden Verantwortung für Pflegebedürftige gerecht werden und ergänzende Formen von Spezialisierungen in der Pflege berücksichtigen. Dazu gehört auch die Integration von Kolleginnen und Kollegen mit Bachelor- und Masterabschlüssen der Pflege in unsere Einrichtungen.

Hier bedarf es jedoch neben der Qualifizierung zunächst auch der gesetzlichen Voraussetzungen, um diese Mitarbeitenden bei der Leistungserbringung zu integrieren und zu finanzieren. Diese dringend notwendige Professionalisierung braucht eine Grundlage, die deutlich über die Qualifizierungsbereitschaft von Kolleginnen und Kollegen hinausgeht und sich nur unvollständig hinter der Forderung nach der Akademisierung der Pflege abbildet."

Seit 2020 gibt es die generalistische Pflegeausbildung. Welche Chancen sehen Sie in dieser veränderten Ausbildung?

de Vries: "Fachlich ist die generalistische Pflegeausbildung als Aufwertung des Berufs zu bewerten. Vor diesem Hintergrund muss es uns gelingen, junge Menschen und Berufsrückkehrer für diese neue Ausbildung zu begeistern.

Mit dieser Aufwertung sind jedoch auch Veränderungen verbunden, die uns in den kommenden Jahren im Pflegealltag beschäftigen werden. Generalistinnen und Generalisten werden als besondere Fachkräfte Aufgaben der Anleitung, der Kontrolle und der Pflegeplanung im Pflegeteam erhalten, die über die heutigen Zuständigkeiten hinausgehen. Damit wird sich das heutige Aufgabenspektrum verändern und die Altenpflege mit zukünftigen Pflegeassistentinnen, Pflegeassistenten und Pflegehilfskräften für alte Menschen in unseren Einrichtungen neu gestalten. Diese Veränderungen müssen wir parallel zur Umsetzung der neuen generalistischen Pflegeausbildung entwickeln und die in diesen Erneuerungen liegenden Chancen für das Ev. Johanneswerk nutzen."

Würden Sie Ihren Kindern empfehlen, eine Ausbildung in der Pflege oder im Gesundheitswesen zu machen?

de Vries: "Ja, das würde ich tun und habe es auch schon gemacht. Die beruflichen Perspektiven in diesem Handlungsbereich sind aus der Perspektive des gesellschaftlichen Wandels durch eine stetige und steigende Fachlichkeit in diesem Spektrum gekennzeichnet und deshalb vielversprechend. Durch seinen Beruf verantwortlich in einem Team Entfaltungsmöglichkeiten für Menschen mit Hilfs- und Pflegebedarf trotz Kompetenzeinbußen abzusichern, deute ich auch für meine Kinder als eine erfüllende Aufgabe."

Was müssen Arbeitgeber Ihrer Meinung nach tun, damit Mitarbeitende in der Altenhilfe langfristig ihren Beruf ausüben können? Welche Maßnahmen sind denkbar?

de Vries: "Zunächst glaube ich, dass wir hier mehr tun müssen als heute. Das sage ich trotz einer gegenüber anderen Trägern höheren zeitlichen und ideellen Bindung unserer Mitarbeitenden an das Ev. Johanneswerk, die sich durch Forschungen der Universität Zürich vor wenigen Jahren zur Arbeitszufriedenheit belegen lässt.

Zum Beispiel müssen wir um unsere zukünftigen Mitarbeitenden während ihrer Pflegeausbildung intensiver kämpfen, um als beruflicher Partner Ihres Arbeitslebens attraktiv zu werden und zu bleiben. Für  langjährige Kolleginnen und Kollegen müssen wir ganz ähnliche Maßnahmen entwickeln, um die Spannungsfelder zwischen Beruf und Freizeit bzw. Familie gestaltbar zu machen und wir müssen eine gute Bezahlung für ihr Engagement absichern."


Der Internationale Tag der Pflege

Der Internationale Tag der Pflege wird jährlich am 12. Mai begangen. Er erinnert an den Geburtstag der britischen Krankenpflegerin und Pionierin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale, die am 12. Mai 1820 in Florenz geboren wurde. Im Jahr 2021 steht der Tag der Pflege unter dem Motto „Pflege fragt – Politik antwortet“.

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