Maßnahme gegen den Fachkräftemangel: In Bielefeld starten erste türkische Pflege-Absolventen in den Job.

Johanneswerk weitet integratives Förderprojekt aus

Geschäftsführer Dr. Bodo de Vries gratuliert dem Absolventen Cem Eraslan.

Bielefeld (JW). Gekommen und geblieben: Drei Jahre ist es her, dass 20 junge Menschen aus der Türkei nach OWL kamen, um sich im Ev. Johanneswerk zu Pflegefachkräften ausbilden zu lassen. Sie bildeten den Auftakt für das Förderprojekt „Zukunftswerk Leben und Gesundheit“. Jetzt erhalten die ersten von ihnen in Bielefeld ihre Abschlusszeugnisse. „Das Projekt war ein spannendes Wagnis, das wir strategisch und mit viel Aufwand angegangen sind. Das bewerten wir als großen Erfolg“, betont Dr. Bodo de Vries, Geschäftsführer des Johanneswerks, auf der Abschlussfeier der Pflegeschule Bielefeld.

 

Neue Sprache, neue Arbeit, neue Kultur

Unter den erfolgreichen Absolventen, die an diesem Tag ihr Zeugnis erhalten, ist auch Cem Eraslan. Der 29-Jährige stand in der Türkei kurz vor seinem Masterabschluss in Soziologie, als er merkte, dass er mehr wollte als nur am Schreibtisch zu sitzen. Er entschied sich für die Pflegeausbildung im Johanneswerk und zog sie durch – auch wenn er den Anfang als herausfordernd empfand. „Ich war von jetzt auf gleich mit einer neuen Sprache, einem neuen Arbeitsfeld und einer neuen Kultur konfrontiert – das war stressig“, erinnert er sich. Geholfen habe ihm vor allem die umfängliche persönliche Unterstützung durch das Projekt, die ihm das Ankommen erleichterte.

 

Positives Fazit

Insgesamt drei Jahre lang wurden Eraslan und die anderen Azubis mithilfe des deutsch-türkischen Ausbildungsprojekts theoretisch und praktisch auf den Pflegeberuf vorbereitet. Das Programm beinhaltete neben einer Begleitung bei Behördengängen auch weiterführende Sprachkurse, eine individuelle und fortlaufende Unterstützung während der Ausbildung, offene Sprechstunden und Module für eine interkulturelle Sensibilisierung. Ein vielschichtiges Konzept, für das der diakonische Träger ein positives Fazit zieht: Cem Eraslan etwa möchte bleiben und arbeitet auch künftig in einem Bielefelder Altenheim. Und auch die anderen Absolventen bleiben der Pflege erhalten. Darüber hinaus hat das Johanneswerk auf der Grundlage des bisherigen Projekts großflächige Veränderungen vorgenommen.

 

Neues Programm „Integrationsprofi“ etabliert

 „Wir haben festgestellt, dass ein solches Projekt größer aufgestellt sein muss, wenn wir nachhaltig internationale Auszubildende und Mitarbeitende anwerben wollen“,

erläutert Dr. Bodo de Vries. Deshalb habe man ein übergreifendes Programm entwickelt, um nachhaltig und strategisch Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Es trägt den Titel „Integrationsprofi“, schließt das bisherige Zukunftswerk mit ein und beschränkt sich nicht mehr nur auf die Türkei. Das neue Rahmenvorhaben nimmt auch solche Personengruppen in den Blick, die aus anderen Nicht-EU-Staaten kommen oder bereits in Deutschland angekommen sind und sich eine echte Perspektive wünschen.

 

Erfolgskonzept: Rund 400 Teilnehmende

Mit Erfolg: Rund 400 Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten sind mittlerweile Teil des Projekts „Integrationsprofi“ im Johanneswerk. Mehr als 180 von ihnen haben bereits eine Ausbildung beim diakonischen Träger begonnen oder planen dies zu tun. Sie alle werden bei Bedarf zunächst bei Visaverfahren unterstützt und erhalten vorab Hilfe bei der Anerkennung von Schulabschlüssen. Innerhalb der Einrichtungen werden sie an den Pflegeberuf herangeführt und erhalten begleitend und je nach Bedarf individuelle Unterstützungs- und Integrationsmaßnahmen.

Ergänzend dazu ist ein sogenanntes „Buddy Programm“, also eine Art Patenschafts-Modell angelaufen. Denn auch abseits des Arbeitsplatzes, das haben Cem Eraslan und seine Mitstreiter erlebt, braucht es ein erfülltes Leben – und im Idealfall Menschen, die dabei helfen, anzukommen.