Johanneswerk-Fachtag: Palliative Pflege braucht Zeit und Personal

Deutliches Signal an die Politik

Geschäftsführer Ev.Johanneswerk Bodo de Vries

Dr. Bodo de Vries, Geschäftsführer Ev. Johanneswerk. Foto: Johanneswerk/Hilla Südhaus.

BIELEFELD (JW). Rudolf Michel-Fabian (Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe) und Dr. Bodo de Vries (Geschäftsführer des Ev. Johanneswerks) sind sich einig: Die Politik muss ein deutliches Signal bekommen. Denn deren Absichtserklärungen, die palliative Pflege in stationären Altenpflegeeinrichtungen zu verbessern, reichen nicht aus.

„Das hat sich die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen – allerdings ohne Finanzierungskonzept“, kritisiert Michel-Fabian. „Infrastruktur und Personalschlüssel sind Ländersache“, erläutert de Vries und fordert: „Wir müssen die palliative Versorgung in stationären Einrichtungen mit Blick auf die veränderten Strukturen verbessern.“

Beim Fachtag „Zukunft der palliativen Pflege“, zu dem sich Johanneswerk-Hausleitungen aus ganz Nordrhein-Westfalen in der Johannesstift-Kapelle trafen, untermauerte bereits der erste Vortrag mit statistischen Analysen, was Altenhilfe-Fachleute seit ein paar Jahren in der Praxis beobachten. Dr. Gero Techtmann vom Alters-Institut, einer Johanneswerk-Tochter, untersuchte Bewohnerstruktur, Verweildauer und weitere Parameter von 32 Einrichtungen.

Die wichtigsten Punkte: Seit 2016 steigt die Verweildauer der Altenheim-Bewohner insgesamt an, im Durchschnitt auf 30 Monate. Zunehmend ziehen Männer in stationäre Einrichtungen, die Jahrgänge sind nicht mehr so stark durch Kriegsfolgen reduziert. Und während Frauen erst in ein Altenheim gehen, wenn sie verwitwet und pflegebedürftig sind, ist rund die Hälfte der Männer noch verheiratet oder in Partnerschaft lebend.

Veränderte Bedürfnisse

Die Untersuchung von Dr. Techtmann – bundesweit einzigartig in ihrer Betrachtung – machte deutlich, dass das Bild der Bewohnerschaft von stationären Alteneinrichtungen bunter und vielfältiger wird. Wichtig für die Altenhilfe wird die Frage nach den Konsequenzen dieser Trends. Fest steht für die Fachleute aus der Praxis, dass sie sich auf veränderte Bedürfnisse und sehr individuelle Anforderungen einstellen müssen. „Schon beim Einzug in ein Altenheim ist klar, es wird ein Sterbeort sein.“ Rudolf Michel-Fabian, beim Diakonischen Werk RWL zuständig für das Geschäftsfeld Pflege und Alter, wählte klare Wort und forderte, dafür die pflegerischen Voraussetzungen zu schaffen.

„Wir wollen uns nicht den Parade-Nutzer ausgucken, sondern unserer Verantwortung für ein würdevolles Leben gerecht werden“, betonte Dr. de Vries. Im Podiumsgespräch des Fachtages wies er auf eine weitere Entwicklung hin. Noch nie hätten so viele Angehörige mit am Bett gestanden; mit allen Auswirkungen auf die Erwartungshaltung an die Pflegenden. Und schließlich rückte er einen finanziellen Aspekt in den Blickpunkt: Wenn ein Ehepartner ins Heim ziehe und der andere im häuslichen Umfeld verbleibe, werde es finanziell für viele eng. „Wohnung und Haushalt müssen ja weiter unterhalten werden.“

Keine Kompromisse

Katharina Füllbeck, selbst Leiterin einer Johanneswerk-Einrichtung in Ennepetal, machte deutlich, dass die Pflege schwerkranker oder sterbender Menschen keine Kompromisse erlaube. „Wir pflegen so, wie es in der Situation gebraucht wird“, sagte sie, „und nicht nach Pflegegrad.“

Unterstützt wurde dieser Standpunkt auch von Rudolf Michel-Fabian, der beim Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe das Geschäftsfeld Pflege und Alter leitet: „Sie brauchen dafür vor Ort ausreichend Personal. Darauf haben wir fundiert öffentlich aufmerksam gemacht. Mit der Politik sind wir im Gespräch und versuchen nachdrücklich zu verdeutlichen, wie sehr die Praxis unter Druck steht.“ Das Thema sei allerdings nicht neu. Michel-Fabian: „Bereits 2015 hat der Bundesrat die Bundesregierung auf notwendige Verbesserungen hingewiesen.“

Die Anforderungen der palliativen Betreuung in Konzepte zu fassen und der Aufbau einer Hospizkultur sind im Johanneswerk gemeinsames Thema der Fachabteilungen Altenhilfe beziehungsweise Theologie/Diakonie. Zu diesem Prozess gehören die Auseinandersetzung mit der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ und die Entwicklung konkreter Hilfen für die Mitarbeitenden in der Pflege.

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