Georg Pietsch, 95 Jahre, Albert-Schweitzer-Haus

Der Kumpel

Einmal Kumpel, immer Kumpel: Georg Pietsch ist 95 Jahre alt und lebt im Albert-Schweitzer-Haus in Marienmünster

Einmal Kumpel, immer Kumpel: Georg Pietsch ist 95 Jahre alt und lebt im Albert-Schweitzer-Haus in Marienmünster.

Als er beginnt, über den Tag der Explosion zu sprechen, fehlen Georg Pietsch plötzlich die Worte. Er wendet den Blick ab und starrt aus dem Fenster seines Zimmers im Albert-Schweitzer-Haus, während die Tränen kommen. Energisch schüttelt er den Kopf, wie um sie zu vertreiben. Der 95-Jährige ist überzeugt davon, dass damals etwas falsch gelaufen ist. Nicht nur das Unglück an sich. Er kann bis heute nicht verstehen, warum seine Kumpels starben – und er nicht.  

Er stammt aus Schlesien, wurde in Breslau geboren. Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde Pietsch Soldat, wurde verletzt und geriet für lange Zeit in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Ende des Krieges hangelte er sich von einer Arbeit zur nächsten. Ohne Ausbildung musste er sich mit Aushilfsjobs und einfachen Tätigkeiten durchschlagen. Zunächst auf einem Hof in Bayern, dann in Norddeutschland als Knecht eines Bauern. Zu dieser Zeit lernte er auch seine spätere Frau kennen. Aber als Knecht habe er zu wenig verdient, um eine Familie zu ernähren, sagt er heute. Also zogen sie ins Ruhrgebiet und Pietsch nahm zunächst Hilfsarbeiten auf dem Bau an, wurde dann LKW-Fahrer und hörte schließlich von einem gut bezahlten Job, für den er keine Ausbildung benötigte. 
 

"Unter Tage, das ist eine andere Welt"

„Unter Tage zu arbeiten, das ist wie in einer anderen Welt. Alles lief damals mit Pressluft, Ketten, Hebeln und Bremsen. Es herrscht ein rauer Ton, gleichzeitig mussten wir uns alle aufeinander verlassen können und waren gefühlt mit der Zeche verheiratet. Wir haben damals alle viel mitgemacht. Als ich 39 Jahre alt war, habe mich zum Beispiel schwer verletzt, als eine Zugkette gerissen ist. Dabei wurden mir alle Zähne ausgeschlagen und der Oberkiefer ist gebrochen. Im Krankenhaus hat der Arzt den Kiefer dann mit bloßen Händen repariert. Ich solle nicht kauen, sagte der mir. Was für ein Witzbold – ohne Zähne ging doch sowieso nichts mehr. Nach drei Monaten kam ich wieder zurück in die Grube. Das Kohlefeld, das wir bearbeitet hatten, war fast fertig, deshalb sollten wir wechseln. Aber der Staiger meinte plötzlich zu mir „Sie gehen nicht mit zum nächsten, Sie warten.“ Als meine Kumpels in den neuen Bereich wechselten, gab es eine Explosion. Alle, die dort waren, starben. Ich habe geweint, aber ich durfte keine Pause machen oder frei nehmen. Die Arbeit musste ja weitergehen.“ 
 

Seiner Frau verschweigt er, dass er verschüttet wurde

Pietsch erlebte auch, wie Kumpels unmittelbar neben ihm starben. Jedes dieser Schreckensereignisse hat sich wie ein Film in seinen Kopf gebrannt. Einmal wurde er selbst verschüttet. Zweieinhalb Schichten dauerte es, bis man ihn endlich befreien konnte. Doch seiner Frau erzählte Pietsch nie davon, erfand Ausreden für sein Verschwinden. Das sei einfacher gewesen, als laut zuzugeben, wie gefährlich sein Job wirklich war. Als Kumpel habe man sich irgendwann daran gewöhnt, dass überall Gefahren lauern. Doch seine Frau habe ständig Angst um ihn gehabt. Und das habe er nicht noch befeuern wollen. Insgesamt 28 Jahre arbeitete Pietsch unter Tage. Als er 1980 in Frührente ging, weil seine Gelenke nicht mehr mitspielten, änderte sich plötzlich alles. 

„Ich war tagsüber nun ständig oben im Hellen und natürlich zu Hause. Aber dort ging es anders zu als in der Grube. Ich hatte keine Aufgabe mehr und wurde nicht gebraucht – ich war bis dahin ja ständig weg gewesen. Deshalb habe ich ein altes Haus gekauft und begonnen, es umzubauen. Diese Regelmäßigkeit, mit der ich daran arbeiten konnte, hat mir geholfen, in den Alltag zurückzukehren. Aber wenn ich an die Zeit unter Tage denke, ist es, als ob das gestern war. Ich sehe, höre und rieche sogar, wie es in der Zeche war. Das ist sofort wieder präsent und wird wohl so schnell nicht mehr verschwinden (klopft sich dabei gegen die Stirn).“ 
 

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