Bahtiyar Demircan beherrscht die Kunst des Schönschreibens

Bewaffnet mit Tinte und Feder

Mann zeichnet Schrift auf Papier und sitzt dabei an einem Tisch.

Bahtiyar Demircan nutzt die Kalligrafie und das Malen um abzuschalten, wenn es auf der Arbeit mal stressig gewesen ist. Fotos: Ursula Emig

Sehr konzentriert und mit extrem ruhiger Hand taucht Bahtiyar Demircan seine Feder ins Tintenfass und setzt sie auf das blütenweiße Papier. Mit feinen Schwüngen entstehen wunderschöne, schnörkelige Buchstaben, werden zu Worten und Sätzen, gleichmäßig und natürlich fehlerfrei. Der 53-jährige Altenpfleger aus dem Eva-von-Tiele-Wickler Haus in Herne hat ein Hobby, das eine Kunst ist: Die Kunst des Schönschreibens. Bahtiyar Demircan ist Kalligraf.

Vom Ingenieur zum Altenpfleger

Damit erreichte der aus dem türkischen Samsun stammende studierte Ingenieur der Hydrogeologie sogar lokale Prominenz. Im Jahr 2012 gestaltete er den Abschlusstext des Goldenen Buches der Stadt Herne und den Eingangstext des neuen Exemplars. „Es war eine sehr große Ehre für mich, aber auch eine riesige Verantwortung“, erinnert sich Bahtiyar Demircan. „Meine größte Angst war, einen Fehler zu machen“.
Durch seine Fähigkeit, ein perfektes, ästhetisches Schriftbild zu erzeugen, konnte er sein damaliges Studium in der Türkei finanzieren und abschließen.

Die Liebe zu einer deutschen Frau führte ihn 1995 letztendlich nach Herne. Die Hoffnung, in Deutschland  auch eine Anstellung als Ingenieur zu finden, zerschlug sich aber nach über hundert Bewerbungen. Dennoch gab er den Wunsch nicht auf, eigenes Geld zu verdienen. Über seine Ehefrau, selbst Kranken- und Altenpflegerin, fand er zu seinem heutigen Beruf und machte eine Ausbildung zum Altenpfleger. Seit über 20 Jahren arbeitet Bahtiyar Demircan nun im Eva-von-Tiele-Winckler-Haus. „Ich liebe meinen Job“, sagt er. „Von den alten Menschen hier kann man so viel lernen“, schwärmt er.

Abschalten und Freude bereiten

Die Bewohnerinnen und Bewohner wiederum profitieren nicht nur von seinem pflegerischen Können, sondern auch von seiner Kunst, die sich nicht nur auf die Kalligrafie beschränkt – Bahtiyar Demircan malt auch. In den Gängen der Wohnbereiche eins und zwei der Einrichtung strahlen rund 30 Acryl- und Ölbilder um die Wette: leuchtend bunte Werke im Pop-Art-Stil. Hin und wieder auch ein großformatiges Blumenmotiv dazwischen. „Das mögen die älteren Bewohner am liebsten“, erklärt Demircan schmunzelnd. Seit 2005 gehört er dem Herner Künstlerbund an; bestreitet sowohl Gemeinschafts- als auch Einzelausstellungen. Seit März sind seine Werke in der Galerie Kunstpunkt in Herne-Sodingen zu sehen.

Die Kalligrafie ist für ihn auch so etwas wie Meditation. „Der Job ist manchmal stressig, aber das gehört ja dazu“. Das Schönschreiben ist dann sein Ausgleich: „Man schaltet völlig von allem ab, ist nur noch aufs Schreiben konzentriert“. Seine Kunst ist übrigens auch bei den Kolleginnen und Kollegen beliebt. So hat Bahtiyar Demircan auch schon die eine oder andere Glückwunschkarte für sie beschrieben.

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