Archiv 2016

Wohnverbund Recklinghausen auf der Palmkirmes

Aathi und die wilden Fahrgeschäfte

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnverbunds Recklinghausen genossen den Besuch auf der Kirmes.

Besonders Aathi liebt die großen Fahrgeschäfte. Fotos: Brigitte Skrzeba

„Ja, muss das denn sein?“ fragt manch ein Zuschauer, der sieht, wie eine schwerstmehrfach behinderte junge Frau im Rollstuhl mit ihrer Begleitung ansteht, um die wildesten Fahrgeschäfte der Palmkirmes zu nutzen. „Meinen Sie denn wirklich, dass das gut für die Frau ist?“ werden die begleitenden Mitarbeiter dann manchmal von Passanten direkt gefragt.

Kopfschütteln und Unverständnis sind zunächst einmal verständliche Reaktionen, denn wer ahnt schon, dass Aathi, die sich nur minimal selbst fortbewegen kann, deren Leben von spastischen Lähmungen und einer geistigen Behinderung eingeschränkt wird, wahre Glücksgefühle erlebt, wenn sie durch die Loopings rasen darf oder den freien Fall empfindet? Wer kann sich schon vorstellen, dass genau diese junge Frau gar nicht genug davon bekommen kann und viele Wiederholungen einfordert, bis die Mitarbeitenden nicht mehr können?

Viele junge Menschen lieben diesen Kick von „höher, schneller, weiter“  genauso wie Aathi und genießen ganz selbstverständlich die Zeit der Palmkirmes mit den Adrenalin-Schüben. Aber auch eine geistige und körperliche Behinderung sollte in unserer heutigen Zeit kein Hinderungsgrund mehr sein, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse auszuleben.

Aathi lebt im Haus Regenbogen, einer stationären Wohneinrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen im Johanneswerk Wohnverbund Recklinghausen. Hier wird mit der Methode der Persönlichen Zukunftsplanung gearbeitet, einer individuellen Betreuungsplanung, die sicherstellt, dass eine größtmögliche Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen gefördert und ermöglicht wird. Die persönlichen Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner stehen dabei immer im Vordergrund. In enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen und deren Angehörigen, bzw. gesetzlichen Betreuern planen die Mitarbeitenden die notwendigen Maßnahmen zur Bewältigung des Alltags und auch die Freizeitangebote.

Die Stadt und die Schausteller sind mit den verteilten Bummelpässen seit Jahrzehnten ein Garant, dass die Palmkirmes die Herzen aller Recklinghäuser höher schlagen lässt und eben auch Menschen mit Behinderungen selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft sein können.

Deshalb sagen wir „Danke“, denn wenn es nach Aathi ginge, könnte öfter Palmkirmes sein!