Bielefeld (JW). Wenn der Alkohol das Leben bestimmt, gerät die ganze Familie in den Sog der Krankheit. Daher hat der Ev. Gemeindedienst im Johanneswerk jetzt ein neues Beratungsangebot für Angehörige von Suchtkranken entwickelt. Der innovative Ansatz, mit dem Thea Linberg und Ingeborg Dykmann vom Ev. Gemeindedienst arbeiten, nutzt Verstärkungsstragien anstelle der Konfrontation mit dem Suchtproblem. Der Fokus des so genannten CRAFT-Ansatzes (Community Reinforcement Ansatz basiertes Familien-Training) liegt auf positiven Verstärkungen durch die Angehörigen.
Beispiele hierfür können ein Kino-Besuch, eine Massage oder ein gemeinsames Abendessen als Belohnung für ein alkoholfreies Wochenende sein. Wird der Abhängige rückfällig, sollen negative Konsequenzen folgen: beispielsweise die Absage eines gemeinsamen Besuchs bei Freunden. Der Alkoholabhängige muss zu Anfang nicht über die Teilnahme seiner Angehörigen an der Therapie informiert werden. Erst wenn er realisiert hat, welche Folgen seine Sucht privat, beruflich und gesellschaftlich hat und er dies ändern will, steigt er aktiv in die Therapie mit ein. Drei primäre Ziele hat das Training: Der Suchtkranke soll den Alkoholkonsum reduzieren, er soll von sich aus eine Behandlung aufnehmen und schließlich soll auch die Lebensqualität der Angehörigen nachhaltig verbessert werden.
Thea Linberg vom Ev. Gemeindedienst hat sich für das spezielle Familien-Training für krankheitsuneinsichtige Alkoholabhängige fortgebildet. Damit gibt es ab Februar zum ersten Mal in Bielefeld eine Verhaltenstherapie für Angehörige von Suchtkranken. Der CRAFT-Ansatz ist bei Verhaltenstherapien in Amerika bereits weit verbreitet und hat dort sehr gute Ergebnisse erzielt. Bei bisherigen Untersuchungen und Therapieformen in Deutschland spielte die Familie in der Analyse nur eine geringe bis gar keine Rolle. Das ist beim CRAFT-Ansatz anders: Die Beteiligten erhalten ein Achtsamkeitstraining, die Kursleiter vermitteln ihnen kommunikative Fertigkeiten und geben gezielte Vorschläge zur Inanspruchnahme von Hilfen. Darüber hinaus stärken die Therapeuten die Ideen oder Überlegungen der Familienangehörigen und erarbeiten mit ihnen Handlungspläne.
In Deutschland gelten nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren fünf bis sieben Millionen Angehörige als direkt betroffen. Die Familienmitglieder wollen helfen, überschreiten dabei jedoch häufig ihre eigenen körperlichen und psychischen Grenzen. Bisher lag der Fokus von Therapieangeboten auf den Suchtkranken. Obwohl besonders die Familie in einer Krisenlage Rückgrat gibt und dem Betroffenen aus der Sucht helfen kann. Dr. Gallus Bischof von der Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, hat sich auf das CRAFT-Training spezialisiert. In einer Studie kam der Diplom-Psychologe zu dem Ergebnis, dass über 70 Prozent der Alkoholkranken keine spezifische Hilfe in Anspruch nehmen – von den Angehörigen würden mehr als 90 Prozent keinen Experten aufsuchen. Dabei würden, laut Bischofs Untersuchungen, besonders die Einbeziehung der Familienmitglieder den Erfolg einer Behandlung deutlich erhöhen und die Therapie-Bereitschaft eines Alkoholabhängigen steigern.
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JW)